Ein Münchner am Tannerhof

Der erste Tannerhof Gast Blog

03. April 2016  |  Burgi v. Mengershausen  |  0

Auch wenn diese Geschichte den Rahmen eines Blogs sprengt... Es wäre zu schade, sie nicht zu bringen. Ein Nachfahre des "Münchners im Himmel" verirrt sich zum Fasten an den Tannerhof. Herzlichen Dank an Christian Müller-Schloer, der während seiner Fastenzeit hier höchst kreativ war. Viel Vergnügen beim Lesen mit Muße!

Ein Münchner im Tannerhof

Alois Hingerl war ein moderner Mensch. Er schuftete nicht mehr wie sein Urgroßvater selig als Dienstmann im Münchner Hauptbahnhof. Der hatte damals einen Auftrag mit so großer Hast ausgeführt, dass ihn der Schlag traf. Nein, der Enkel war Kraftfahrer beim Kurierdienst Rote Radler - gut, dass der Urgroßvater das nicht wusste! Beim Körperumfang allerdings ähnelte der Alois dem Senior durchaus; an seinem Bauchumfang prallte jeder Body Mass Index erfolglos ab. Verheiratet war der Alois mit der Carmen Hingerl, geborene Bärbeiß, aus Giesing. Carmen sorgte für sein leibliches Wohl, worauf er einen nicht geringen Wert legte. Aber sie sorgte sich auch um sein leibliches Wohl, denn die in ihrem Freundinnenkreis verbreiteten Gesundheitsratschläge hatten ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt.

So hatte sich Carmen Hingerl vor ein paar Monaten im Namen ihres Mannes an einem Preisausschreiben beteiligt, bei dem man eine Fastenkur gewinnen konnte. Nicht zu weit weg von München, in Bayrischzell, denn ihr Alois liebte mehr das Altgewohnte als das Abenteuer. Als nun ein Brief für Herrn Alois Hingerl im Briefkasten lag, wartete sie gespannt auf seine abendliche Heimkehr. Den Brief hatte sie ihm neben den Teller auf den Esstisch gelegt.

Als sich der Alois sein Bier aus dem Kühlschrank geholt und erwartungsfroh zum Essen Platz genommen hatte, schob sie ihm den Umschlag hin, er verlangte nach der Brille und begann mit Stirnrunzeln zu lesen. „Du, da schreibt ein Wirtshaus oder sowas, der Tannerhof, dass i was gwunna hab. Zwoa Wochen Fastenkur! Woaßt du was des is?“ Carmen war etwas verlegen, rückte aber dann mit der Wahrheit heraus. „Und was moanan die mit Fasten?“ fragte er nach. „Fasten, des hoaßt einfach nix essn,“ erklärte Carmen, „des is gsund und tat dir amoi nix schad’n, mit deiner Wampn.“ „Und was is mit’m Tringa?“ wollte Alois wissen. Carmen ließ dieses heikle Thema lieber im Unklaren.

Begeisterung ist etwas anderes. „A Fastenkur!“ grummelte der Alois, „a so a Schmarrn. Des halt ja koa Mensch net aus.“ Und er beschloss, seinen Freund, den Bierbichler Fonsä, um Rat zu fragen. Lust hatte er keine auf solch ein Experiment, aber einfach nein sagen, das traute er sich doch nicht. Seine Frau konnte nämlich auch ungemütlich werden. Und außerdem wars ja umsonst.

Den Fonsä traf er gleich nachher am Stammtisch. Er traute sich erst nach der zweiten Halben ihn zu fragen. Der Fonsä las sich den Brief zweimal durch, wiegte den Kopf und meinte: „Des is jetzt ganz in, woaßt scho, Gsundheit und Fitness und sowas. Mei Rosi benst aa oiwei an mi hi, dass i ins Fitnessstudio geh. Dabei san mir doch eh immer in de Berg!“

Das stimmte freilich, denn der Alois, der Fonsä und ein paar andere Spezln vom Stammtisch gingen im Sommer regelmäßig zum Bergsteigen - oder was sie dafür hielten. Dann fuhr die ganze Blasn mit dem Auto nach Brannenburg, stieg dort in die Wendelsteinbahn um und ließ sich bis zur Mitteralm bringen. Dort verbrachte man das Wochenende. Wenn der Alois dann in der Sonne vor der Hütte saß und sein sechstes oder siebtes Weißbier vor ihm stand, dann brach sich die Naturliebe bisweilen Bahn, und mit feuchten Augen murmelte er vor sich hin „S is scho schee, bei uns herin im Berg. S is scho schee.“

Kurz, der Fonsä sah die Sache mit dem Fasten gar nicht so negativ. Er solle es, sagte er, doch einfach mal probieren. Schief gehen könne nichts, und Bayrischzell wäre ja nicht so ganz weit weg von München. Allerdings war es dem Alois, als würde er beim Fonsä ein bisserl was von Schadenfreude bemerken.

Alois Hingerl machte sich also an einem schönen Frühlingstag auf den Weg. Seine Laune  bei der Ankunft war, das muss man zugeben, nicht die beste. In der Rezeption wurde er freundlich und resolut von Frau E. empfangen. Er kannte den Ton von seiner Carmen und wusste: Widerrede ist zwecklos. „Wir haben für Sie ein Rundum-Wohlfühl-Programm zusammengestellt“ beschied sie ihn. „Unser Motto hier ist ‚Saufen und Laufen!‘“ Das ließ ihn etwas Hoffnung schöpfen, aber er war sich nicht sicher, ob er das richtig verstanden hatte. Es wurde ihm ein Turmzimmer zugewiesen, ganz oben am Hang. Zum Anfang wurde er noch - wegen Gepäck - hinaufgefahren. „Und wia kumm i da wieder runter?“ erkundigte er sich beunruhigt. „Sie wissen, doch: Saufen und Laufen! Um halb sieben gibt es Abendessen. Heute haben wir einen Gemüseteller für Sie - zur Entlastung.“ Und so fügte er sich denn in sein Schicksal - vorläufig.

Alois war schon um viertel nach sechs da. Das war sowieso schon später als zu Hause. Er hatte immer Hunger um diese Zeit. In der Fasterstube war noch keine Menschenseele, die Tische waren eingedeckt, und auf einem schwarzen Schildchen las er seinen Namen: „Herr Alois Hingerl“ stand da, und dahinter ein dickes F - für Faster. Nach und nach stellten sich auch seine Tischgenossinnen und -genossen ein. Als erste kam eine Frau H. aus Hamburg, Gymnasiallehrerin. Sie litt an einer Gluten-Allergie und noch mehr unter ihren Kollegen; sie fastete jährlich und schien auch sonst kaum etwas zu essen. Hingerl verstand nur wenig von dem, was sie sagte. Sie redete sehr schnell. Dann erschien Gritt aus Happing bei Rosenheim. Sie war um die 25, hatte einen Friseursalon und sah auch so aus: Bunte Haare, diverse Tattoos (wahrscheinlich auch dort, wo man es nicht sieht, dachte der Alois), ein paar Ringe in den Ohren. Wenigstens konnte sie bayrisch. Er fragte sie, ob sie schon mal auf der Mitteralm war. Als sie dies verneinte, war der gemeinsame Gesprächsvorrat erschöpft. Etwas später erschien noch Herr B. aus Berlin. Er war schon öfter hier gewesen und wusste überhaupt über alles sehr gut Bescheid, hier bei uns in Bayern. Vor allem wusste er ganz genau, wo es den besten Kaiserschmarrn in der Umgegend gibt. Immerhin war er einmal in der Automobilindustrie tätig gewesen, aber als der Alois ihn fragte, ob er schon einmal einen Siebeneinhalbtonner bei Schneesturm übern Irschenberg gefahren hätte, musste er passen, und so verlief das weitere Tischgespräch ohne wesentliche Beiträge seitens des Herrn Hingerl.

Als sein Gemüseteller kam, erhob sich bewunderndes Gemurmel - sogar vom Nachbartisch. Die anderen fasteten schon seit mehr als einer Woche. Man lobte den gedünsteten Brokkoli, das Karottenpüree und vor allem die kleinen geräucherten Tofuwürfel. Frau H. zählte  sie, es waren 14! Hingerl konnte die Begeisterung nicht wirklich nachvollziehen. Er bekam in seinem Stammlokal durchaus auch einen Teller mit grünem Salat zum Schweinernen, aber man muss ja nicht alles essen. Er stocherte etwas in den Gemüsen, probierte eine Karotte („Da fehlt as Salz“ dachte er) und verzichtete dann auf den Rest. Seine Laune war auf dem Tiefpunkt. „Gspinnerte Bande“ grummelte er vor sich, „ jetza möchtn’s aus mir womöglich no an Veganer macha! Ja mir gan’gst.“ Er brütete dumpf vor sich hin und dachte an die Mitteralm. Als eine sehr schlanke Hausdame im langen Dirndl vorüberschwebte und die leeren Gläser der Faster abräumte (es hatte einen wunderbaren Selleriesaft gegeben, Frau H. war sehr glücklich, er war garantiert Gluten-frei), da wurde es dem Alois zu viel. „Und was gibt’s jetzt nacha da zum Tringa?“ brüllte er der Hausdame nach. Sie wendete sich im Gehen um, strahlte ihn an und sagte: „Sie werden ihr Glaubersalz schon noch bekommen!“ Alois verstand nichts mehr. Er rumpelte vom Tisch auf, die niedrige Tür krachte hinter ihm zu, und er fuhr hinunter ins Dorf, wo er im Gasthaus zur Post den Entlastungsabend auf seine Art beendete. Bei der dritten Halben befand er, dass das Fasten doch nicht so schlecht war.

Am nächsten Morgen, er schlief noch tief und fest, klopfte es an seiner Tür. Eine junge Dame brachte ein Tablett mit einer Thermoskanne („Grüner-Hafer-Tee“ sagte sie mit verheißungsvollem Lächeln). Er probierte etwas von dem dunkelgrünen Inhalt, doch dann fiel ihm zum Glück ein, dass er jetzt seinen Arzttermin hatte. Die Ergebnisse der Untersuchungen unterliegen gottlob der Schweigepflicht. Die freundliche Frau Doktor sagte etwas von Entgiften und Entschlacken. Er solle doch die Zeit nutzen, um etwas mehr nach innen zu hören und dem Körper das zu geben, was er wirklich braucht. Doch wenn er nach innen hörte, dann gab es da vor allem eines: Ein lautes Magenknurren!

Mittags war er schon so verzweifelt, dass er fast einen ganzen Teller von der Fenchelsuppe aß. Wenigstens eine Semmel hätten sie ihm dazu geben können! An der sportlichen Wanderung nahm er nach dem anstrengenden Vormittag nicht teil (zumal diese zu Fuß erfolgen sollte), er versuchte es mit einem Mittagsschlaf und hoffte, dass so die Zeit schneller verginge.

Auf seinem Stundenplan hatte man ihm für den späten Nachmittag noch eine Yogastunde eingetragen. Die bunte Friseursaloninhaberin war auch da, überhaupt waren ausschließlich Damen anwesend. Hoffnungsvoll erkundigte er sich, ob er vielleicht im falschen Raum wäre, aber die Leiterin beruhigte ihn und verwies ihn auf eine Matte, wo er im Liegen schon mal mit der Anfangsentspannung beginnen sollte. Das klang schon besser, und so begann er sich erst einmal zu entspannen, was man nach kurzer Zeit auch hören konnte. Dann begannen die Übungen. Die Friseurin turnte neben ihm. Sie konnte sich unglaublich gut verknoten und als sie seine bewundernden Blicke sah, flüsterte sie ihm zu: „Des hab i im Retreat g’lernt, bei meim Guru in Indien.“ Die Yogalehrerin hatte am Anfang gesagt, dass man nur die Übungen mitmachen sollte, die einem liegen. Also setzte der Alois seine Anfangsentspannung weiter fort.

Aber es gelang ihm nicht mehr so recht. Vor seinem inneren Auge zogen dampfende Schüsseln mit Weißwürsten vorbei, knusprige Brezn, ein Bauernschmaus, eine krosse Haxn mit Salat (es handelte sich um Kartoffelsalat), und dazwischen viele gefüllte Gläser mit Münchner Bier. Und dann schwebte noch Herr B. vorbei mit einem großen Teller voll Kaiserschmarrn. Hingerl rieb sich die Augen. Wenn er an das Abendessen dachte, das ihn heute erwartete, dann stieg langsam aber unwiderstehlich ein heiliger Zorn in ihm auf. „Yoga, des is nix für mi. A so a Schmarrn, schlafa dua i besser im Bett.“ schimpfte er vor sich hin, erst leise, dann aber wohl hörbar, denn die Friseurin machte auf einmal „Psst!“ in seine Richtung, „Sie stör’n meine Chakras!“ Gegen Ende der Stunde wurde gemeinsam gesungen. Ge-chantet, wie man das nannte. „Sie können ruhig mit-chanten“, forderte die Lehrerin den Alois auf, „wir beginnen mit einem Om.“  Das kam ihm gerade recht. „Was mext,“ fragte er, „was soi i singa? Om?“ Darunter hatte er bisher das Gegenteil von unt’n verstanden. Und so hörte man den Alois Hingerl erst leise, dann aber immer lauter, vor sich hin murmeln, singen und schließlich lautstark plärren: „Om, halleluja, Om, zefix halleluja, om sag i, om halleluja Birnbam und Hollerstaud’n. Om!“ Die Yogastunde endete etwas abrupt. Diesmal verstand er sogar die Frau H. Sie sagte so etwas wie „Rüpel“.

Die ungewöhnlichen Geräusche drangen bis hinauf ans Ohr von Roger B. „Ja, was ist denn da los?“ fragte er seine Frau. „Ein Münchner“ erklärte sie, und er verstand. Am nächsten Tag wurde Herr Alois Hingerl in Gnaden aus dem Paradies entlassen. Als Entschädigung erhielt er einen Gutschein für den vegetarischen Biomarkt. Er hat ihn nie eingelöst.

Ab und zu kehrt der Hingerl Alois freilich zurück nach Bayrischzell. Der Spinatalm gönnt er allerdings keinen Besuch mehr, er kehrt im Gasthaus zur Post ein. „Eigentlich hat die Frau Doktor scho recht g’habt“ dachte er „man soll dem Körper geben, was er wirklich braucht.“ Und er bestellte sich eine Haxn und ein Bier. Ohne Salat.

(Alle Gast Charaktere sind frei erfunden. Bei Tannerhof Mitarbeitern bestehen gewisse Ähnlichkeiten.)

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