Lass‘ mich, ich bin heut‘ analog!

Vom wachsenden online-Überdruss

10. Juni 2017  |  Yvonne Aschoff  |  0

Ich weiß schon – die Bewegung gegen die Bewegung ist schon nicht mehr ganz neu. Zum Glück.
Erst wollen alle immer online sein, dabei sein, informiert sein, whatsappen, twittern, posten, im Bus Filme gucken, die news der Welt in Echtzeit erfahren, den Freunden umgehend das Selfie mit Katze schicken, öffentlich zeigen, was man gerade auf dem Teller hat.
Viele Smartphone-Zombies hat das hervorgebracht, deren reale Welt zum fake wurde – nur was gongt, zwitschert, piepst und per Wisch auf dem Display erscheint, wird als real empfunden.
Ehe man es sich versieht, ist man selbst eine posts, tweets und messages beantwortende Maschine, die schon 3 Minuten nachdem zwei blaue Häkchen erschienen sind, zum Antworten ermahnt wird.

Wartet man erst einmal geduldig ab, so gibt es früher oder später für jede extreme Bewegung den passenden Überdruss. So tickt der Mensch nun mal. Nun darf man frohgemut mit ansehen, wie das offline-Sein immer attraktiver wird und Häkchen auch mal lange blau und unbeantwortet bleiben.

Die sofort-Kultur, die to-go-Denke wurde so krankhaft (und krank machend) inflationär gelebt, dass sich inzwischen immer mehr Menschen nicht mehr von der digitalen Welt vereinnahmen lassen wollen. Das gekonnte Abschalten muss allerdings geübt werden – man muss sich selbst auf Entzug setzen: In der lustigen Runde mit Freunden nicht jedem Piepsen mit hörigem Blick zum Smartphone mehr Wichtigkeit signalisieren als dem Gegenüber aus Fleisch und Blut. Nicht bei jedem diskutierfähigen Thema gleich Google befragen, sondern die versammelten Hirne ruhig mal nach den Lernstoffresten aus der Schule kramen lassen. Sich wirklich auf die Menschen einlassen, mit denen man da am Tisch sitzt, statt sich über die jüngst in der Gruppe herumgeschickten Filmchen zu amüsieren und vielleicht noch eins draufzusetzen. Die Unterhaltung vors Unterhaltenwerden stellen. Klingt normal, ist es aber nicht mehr. Wird es aber vielleicht wieder…

Beim Zeitunglesen (!) im Café: Handy ruhig in der Tasche lassen. Es ist nicht schlimm, wie ein Dinosaurier zu wirken. Aber jetzt kommt’s: Hat man sich noch vor relativ kurzer Zeit lieber 2 x überlegt, ob man wirklich so ein verdammter Spießer sein will und der Trulla am Nachbartisch einen mahnenden Blick zuschießen, weil sie ihre Männergeschichte öffentlich am Telefon durchkaut, darf man jetzt nonchalant auf ein Schild deuten, das gut sichtbar an Tür und Theke hängt: ein Mobiltelefon im Verbotsschild. Wie schön, es gibt also noch mehr Spießer.

Oder nehmen wir mal den Tannerhof vor ca. 4 Monaten. Kaminzimmer & Orangerie, abends: vor lauter blauem Display-Licht aus Smartphones und Tablets sieht man kaum noch das Kaminfeuer. Es brennt auch eigentlich umsonst. Schweigen. Die Hälfte der Menschen hat Knöpfe in den Ohren – hören muss der eine lesende Gast aber doch das Maschinensprech, das aus diversen Earphones quetscht. Pärchen mit endlich-mal-gemeinsamer-Auszeit schauen online einen Film. Man fläzt wie daheim, man hört auch leider die eigenen Geräusche nicht mehr so gut. Den Lesenden und Unterhaltungsbereiten ist es zu blöd – lesen können sie ungestörter im Zimmer und stehen unbemerkt auf. Übrig bleiben blau beflackerte Gesichter mit dumpfem Blick. Schöne neue digitale Welt.
Jetzt nehmen wir mal den Tannerhof heute: WLAN-Verbindung nur noch in der Alten Tann, 1. OG, öffentlicher Bereich. Keiner findet das öffentlich doof. Viele finden es explizit gut. Man gesundschrumpft mit den Möglichkeiten. Im Kaminzimmer wieder mehr Feuerschein statt Blaulicht, gedämpftes Unterhaltungsmurmeln verziert mit gemeinsamen Gelächterwellen. Sich voneinander verabschieden, eine gute Nacht wünschen, für den nächsten Tag eine gemeinsame Wanderung vereinbaren… Mensch wird wieder wesentlich.
Nur an der offline-Disziplin im Fasterraum muss noch gearbeitet werden. Detox müsste dort auch speziell für Digitales gelten.

Es ist ja nicht alles schlecht an dem ganzen digitalen und online-Kram. Die Kunst wird das Mittelmaß sein: Die unbestreitbaren Vorteile der digitalen Welt für sich nutzen, ohne sich davon bestimmen zu lassen.

Und schon Albert Schweitzer wusste: „Der Mensch braucht Stunden, wo er sich sammelt und in sich hineinlebt.“ – das war noch lange vor digital und online und darf uns zu denken geben.

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