VERSTECKT IN DEN BERGEN

Der Besuch zweier hochgeschätzter Frauen
- Fotografin Regina Recht & Autorin Tatjana Seel -
hat zu dieser wunderbaren Tannerhofgeschichte in Wort und Bild geführt...

31. July 2019  |  Yvonne Aschoff  |  0

Versteck in den Bergen

Zu Beginn des letzten Jahrhunderts kauften Christian und Barbara von Mengershausen den alten Tannerhof in Bayrischzell und eröffneten eine Kuranstalt. Hundert Jahre später leiteten Burgi von Mengershausen und Roger Brandes mutig die Wende ein: heute ist der Tannerhof Bio Hotel, Gesundheitsresort und überzeugt mit zeitgemäßer Architektur.

Das Dilemma fängt mit der Wahl des Zimmers an. Baumallee, Tannerhof, Lufthütte oder lieber eines im hölzernen Rapunzelturm? Wo geht die Sonne auf, welches sichert den Blick zum Wendelstein? Es sind die Gedanken der ewigen Optimierer – und wer möchte leugnen, nicht selbst ab und an einer von ihnen zu sein?

Vergessen Sie es einfach. Am Tannerhof, der idyllisch eingebettet in die hügelige Bilderbuchlandschaft nahe der Grenze zu Tirol liegt, sind Gedanken dieser Art sinnlos. Erstens, weil einem die Entscheidung bereits bei der Buchung abgenommen wird, denn das Naturhotel und Gesundheitsresort hat weit mehr Liebhaber als Wahloptionen. Zweitens, weil jedem Gebäude, jedem Zimmer und jeder Blickrichtung ein eigener Charme innewohnt.

 

Um das herauszufinden, kann man auf Entdeckungstour gehen: die gemütlichen kleinen Wege entlangschlendern, die sich zwischen Weiden mit Schafen oder Islandpferden, Hüttchen und Gebäuden den Hang hinauf winden. Oder sich dem Rundgang anschließen, den Burgi von Mengershausen, die den Tannerhof mit ihrem Mann Roger Brandes in vierter Generation führt, den Neuankömmlingen anbietet: „Treffpunkt heute um 17.30 Uhr auf der Wiese vor der Orangerie. Sollten Sie sich nicht entgehen lassen“ hat Heidi von der Rezeption bei der Ankunft geraten.

„Von hier aus“, erzählt Burgi wenig später, „hat man fast alle Gebäude des Tannerhofes im Blick.“ Während ein halbes Dutzend geschäftig schnatternder Laufenten zwischen vierzehn Gästebeinen auf der Wiese wuseln, taucht man ein in die Geschichte der von Mengershausen, die vor über hundert Jahren aus Norddeutschland hierher kamen und ihre Vision vom gesunden Leben in der Natur trotz Kriegswirren, Gesundheitsreform und allen Kritikern zum Trotz unbeirrt verfolgten.

 

Doch der Reihe nach. Es war der Lungenfacharzt Christian von Mengershausen, der mit seiner Frau Barbara 1904 den Tannerhof, ein altes Bauernanwesen in Bayrischzell kaufte, um  ein Jahr später eine „Kuranstalt für physikalisch-diätische Therapie“ zu eröffnen. Selbst an TBC erkrankt, hatte er in Davos den Mediziner und Naturheilkundler Max Bircher-Benner kennen- und schätzen gelernt. Mengershausen war überzeugt, dass vollwertige Ernährung, Kneipp-Anwendungen und Bewegung an der frischen Luft den Genesungsprozess entscheidend beeinflussen würden. Schon bald kamen Künstler, Intellektuelle und Gäste aus dem gehobenen Bildungsbürgertum. Ein zweites Gebäude, die „Neue Tann“ wurde für weitere Gästezimmer errichten. Es ging fröhlich zu: Ausdruckstanz, Schuhplatteln und Wasser treten nach Kneipp standen regelmäßig auf dem Programm. Sein Vorsatz „Zurück zur Natur“ kannte kaum Grenzen: im Felsenbad, einem Naturbecken, idyllisch über dem Tannerhof gelegen wurde das „Nacktluftbaden“ getrennt nach Geschlechtern praktiziert, was die Gerüchteküche unten im Dorf gehörig anheizte.

1934 übernahm Johannes, eines seiner vier Kinder, als überzeugter Naturheilarzt zusammen mit seiner Frau Ursula das Ruder und ersetzte den rückwärtigen Stall der Alten Tann durch ein zusätzliches Bettenhaus. Johannes hielt Vorträge, schrieb Bücher, baute seiner Zeit weit voraus eine biologisch-dynamische Biogärtnerei auf: „Gleichzeitig“, erzählt Burgi, „ war er recht missionarisch unterwegs: es gab ausschließlich Vollkornbrot, Süßigkeiten waren streng verboten!“ Nicht selten pilgerten die Kurgäste heimlich zu den Kaffeehäusern im Ort, um dort zu sündigen. Johannes von Mengershausen, dem dies nicht verborgen blieb, unternahm regelmäßig Kontrollgänge. Weh dem, der erwischt wurde. Er konnte postwendend  seine Koffer packen. Die Einheimischen lachten sich eins, nannten den Tannerhof die „Spinatalm“ – noch heute ist der Spitzname im Ort geläufig.

Die nächste Generation konnte ein florierendes Sanatorium übernehmen: Malte und Andrea von Mengershausen, beides Ärzte, übernahmen 1972 – es waren die Königsjahre des Kurens auf Kasse. Ein Schwimmbadtrakt, der das Badehaus, in dem die Anwendungen stattfanden, mit der Alten Tann verband, kam hinzu. Das Gebot der Stunde hieß: mehr Komfort! So kam es, dass der Tannerhof das Schicksal mit vielen Hotels in dieser Zeit teilte: anstatt Etagenbäder zogen Nasszellen aus Plastik in die Gästezimmer ein: „Die waren so klein,“ erinnert sich Burgi lachend, „dass man gleichzeitig auf dem Klo sitzen und duschen konnte!“

2003 war Burgi von Mengershausen mit ihrem Facharzt fertig. Roger Brandes, ihr Mann, hängte noch den Internisten dran. Die Gesundheitsreform hatte dem Kurwesen inzwischen dramatisch zugesetzt. Hinzu kam, dass sich der Tannerhof mit seinen Naturheilverfahren nach Pfarrer Kneipp zunehmend in Konkurrenz mit dem wachsenden Wellness-Trend befand. Auch optisch konnte er nicht mithalten: „Jede Generation“, erinnert sich Burgi, „hatte ziemlich pragmatisch gebaut. Alles wirkte irgendwie zusammengeschustert!“ Der vierten Generation war klar: es musste eine Neuausrichtung her. Das bedeutete: aus dem Sanatorium sollte ein „Naturhotel und Gesundheitsresort“ entstehen.

 

So kam der Architekt Florian Nagler ins Spiel. „Was wir uns wünschten“, erzählt Roger Brandes, „war eine einheitliche Klammer, die die einzelnen Baustile miteinander verbinden sollte.“ Um das Hotel rentabel zu machen, musste außerdem Platz für neue Zimmer geschaffen werden. Nagler, ein Querdenker und Heimatversteher, der schon zahlreiche Architekturpreise bekommen hat, plante anstatt einem weiteren großen Gebäude vier Hütten in die Höhe. So entstanden zwölf neue Zimmer. Aus dem Durchgang zwischen Badehaus und Alter Tann wurde eine lichte Orangerie, in der man heute sitzen, lesen und träumen kann. Die Alte Tann stockte Nagler auf, plante breite, lichte Gänge aus massivem Zirbenholz. Auf diese Weise zog nicht nur Großzügigkeit ein, sondern der Tannerhof war wieder ein stattlicher Einfirsthof wie einst geworden. Heute beherbergt er neben Rezeption, Küche, Bar und Speiseräumen die etwas größeren Almzimmer. Was Burgi und Roger am meisten freut: „Es ist keine Alpenkitsch-Kulisse geworden, sondern eine ehrliche Architektur, die zu uns und unserer Umgebung passt!“

 

„Jeder nach seiner Fasson!“, lautet das Leitmotiv der Gastgeber. Der Tannerhof ist nicht nur Hotel geworden, sondern Gesundheitsresort geblieben. Burgi und Roger begleiten als praktizierende Ärzte die Heilfaster, die je nach Jahreszeit etwa ein Drittel der Gäste ausmachen. Wer mag, genießt Kohlenhydrat-reduziert die „Schlanke Tanne“ oder entscheidet sich für das Komplettprogramm. Chef Nico Sator und sein Team kochen jeden Tag ein Menü aus hundert Prozent biologischen Zutaten. Das Motto lautet:  „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“. Der Gast kann also nicht zwischen verschiedenen Varianten wählen. „Natürlich“, sagt Roger augenzwinkernd, „nehmen wir auf Unverträglichkeiten Rücksicht. Und Vegetarier müssen auf dem Tannerhof kein Fleisch essen.“ Aber die Gäste sollten sich auch mal auf unbekanntes kulinarisches Terrain wagen. Kartoffelravioli beispielsweise, mit Blaukraut und Entenjus. Eines sei verraten: die Tannerhofküche macht vom ersten Tag an süchtig. Und die Qual der Wahl hat man auch nicht.

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