Vom Egoismus zur Achtsamkeit

Sind wir auf dem Pfad der Erleuchtung?

15. April 2017  |  Yvonne Aschoff  |  0

Achtsamkeit wo man hinhört. Im Zeitschriftenhandel Regalmeter voll Achtsamkeitslektüre. Im Tannerhof Yoga und Achtsamkeit. Achtsamkeits-Workshops in der Stadt und -Retreats auf dem Land. Achtsam zum Erfolg. Achtsam zum Glück. Achtsam zum Wohlstand. Achtsam zum besseren Leben.
Sind wir Generation der Achtsamen die besseren Egoisten oder die Retter unseres Zeitalters?

Früher hieß es „gesunder Egoismus“, wenn man zunächst an sich selbst dachte, um dann im besten Falle in Folge dem Wohle aller zu dienen. Der bessere Mensch war man allerdings, wenn man zuerst an die anderen dachte und dann erst an sich. Das war selbstlos. Selbstlos war gut und gesellschaftlich korrekt. Aber brotlos. Selbstlos die Karriereleiter hoch? Ne, da brauchte es schon den gesunden Egoismus. Oben bequem eingerichtet, vergaß man dann leider allzu oft das Wohl der anderen. Blieben ja noch die Selbstlosen.

Es ist wohl des Menschen Sehnsucht, dass der Mensch an sich gut sei und noch besser werden könne. Sonst wäre es nicht zu dieser Achtsamkeitswelle gekommen. Erst reiben wir uns auf der Karriere- und Egoismusleiter auf, merken, dass das nicht glücklich macht und gehen dann auf Sinnsuche. Achtsamkeit heißt die neue Religion, die neue Verheißung von Glück. Wenn nur jeder achtsam wäre, sähe die Welt ganz anders aus. Das kollektive Wohl ist eigentlich ganz einfach, man muss nur ein wenig achtsam sein.
Schön, da kann ja wirklich niemand was dagegen haben – durch Achtsamkeit zum Guten im Menschen und auf der Welt.

Anders als bei der hehren Selbstlosigkeit gilt nun aber ganz legitim: ich zuerst. Denn: nur wer sich selbst (er)kennt, kann auch den andern wirklich sehen.
Was empfinde ich gerade? Glück? Zorn? Enttäuschung? Liebesleichtigkeit und Freude? Trauer? Neid? Missgunst? Mitgefühl? Verständnis? Ich darf nun achtsam in diese Gefühle gehen, darf mich über die ‚guten‘ freuen und muss die ‚schlechten‘ nicht verurteilen. Gut und schlecht ist nun eins, beides darf als Ganzes SEIN. Die berechtigte Hoffnung der Achtsamkeits-Lehrer ist, dass ich – im Unterschied zum Egoismus – nach der erkenntnisreichen Begegnung mit mir selbst auch meinen Mitmenschen, den Tieren, der Natur und allen Mit-Wesen ebenso achtsam begegne. Sie wirklich als das „achten“ kann was sie sind – mit allen guten und schlechten Eigenschaften. Das ist mehr als gönnerhafte Toleranz oder selbstlose Empathie. Das ist wirkliches Verständnis. Das, in der Tat, würde die Welt zu einem besseren Ort machen.

Mein Verdacht ist nur, dass sich viele allein schon durch den inflationären Gebrauch des Wortes Achtsamkeit für einen besseren Menschen halten, und die Achtsamkeit – wie der gesunde Egoismus – allzu oft bei einem selbst stecken bleibt. Es wäre wirklich eine Weiterentwicklung der Menschheit, würden wir die Achtsamkeit grenzüberschreitend leben. Dann müsste man den Begriff nicht so überstrapazieren.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Gab’s schon mal. Hieß nur anders.

Frohe Ostern!

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