Außen kalt, innen warm
Frühmorgens. Zwischen den Jahren oder auch erst im Februar: Alles liegt im Schnee, alles ist bläulich. Die gegenüberliegenden Berggipfel sind von hinten angestrahlt, in ein feines Rosa getaucht. Es ist total still.
Ein Stillleben aus Kälte und Licht. Nur der eigene Atem steigt auf, eine kleine weiße Wolke, die gleich wieder verschwunden ist. Vielleicht knirscht unter den Schuhen der erste, dünne Frost. Vielleicht ist es einer dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, die Welt sei neu gepudert – und man selbst gleich mit. Und dann, ganz leise, beginnt etwas zu erwachen: ein Vogelruf aus dem Wald. Über dem Tannerfeld ein Hauch von Dampf, wie eine Ahnung von Sonne.
Wenn die Sonne über den Berg steigt, beginnt ein neuer, klarer Tag.
Ein paar Spaziergänger sind zu sehen, der Räumdienst war ja noch nicht da, die nutzen den jungfräulichen Morgen, die Stille, stapfen durch den Schnee, hinterlassen ihre Spuren. Vielleicht sind sie unterwegs vom Tannerhof zur „Melkstatt“, einem kleinen Wanderweg in der Ebene am Waldrand entlang. Gemütlich schlendern sie im Schnee, langsam kommt die Sonne über den Berg. Vielleicht gehen sie direkt zurück, vielleicht durchs Dorf. Wenn sie zurück sind, haben sie einen wundervollen Morgen getankt.
Die ersten eifrigen Langläufer loipeln sich neben der Melkstatt durch die Landschaft. Wahrscheinlich sind sie zu Fuß übers Tannerfeld gekommen. Und direkt in die Loipe eingestiegen. Leise, unbemerkt, ohne erst ins Auto zu müssen. Wissend, dass sie die Stimmung und Ruhe mitnehmen wollen, allein und eins sein wollen mit sich und der Natur und dem Schnee und ihrem Atem und ihrer Bewegung.
So liefen sie los, erst Richtung Österreich und durften sich bald entscheiden, ob sie rechts ins Klooaschautal abbiegen möchten, ein Bachbett hoch oder links in das Nesslertal. Vielleicht kommen sie am Nachmittag bei Sonnenuntergang wieder und nehmen die andere Richtung. Die nach Geitau, durch Wälder, einen Bach entlang, genießen beim Geitauer Flugplatz das Panorama dort mit Aiplspitz und Miesing. Vielleicht laufen sie am Nachmittag auch mit Karin Weilbach, der Langlauflehrerin oder ihrer Crew, lernen zu gleiten, zu skaten, kennen die Technik und die eigenen Fähigkeiten.
So langsam kommen die ersten Alpin-Skifahrer raus. Die, die nicht ins Auto steigen wollen, kommen direkt vom Tannerhof rüber, lässig laden sie sich ihre Skier auf die Schulter, gehen 10 Minuten, ein Stück die Straße hinauf und dann in den „Schwebelift“. Einsersessel. Richtig retro. Langsam geht‘s hinauf über Bayrischzell hinweg, aufs Sudelfeld. Selbst wenn die nicht mehr abfahren würden mit ihren Skiern, hätte es sich schon gelohnt, hier herauf- zukommen. Gemütliches Skigebiet, das Sudelfeld, nicht überlaufen, keine Wartezeiten. Nette Hütten, Speckalm, Walleralm, Schindelberger Alm. Und von 1480 auf 800 m geht‘s runter, nach Bayrischzell.
Die, die es rasanter wollen, sind von Bayrischzell die 3 km mit dem Skibus oder Auto zur Wendelsteinseilbahn gefahren. Da ist das Skifahren anspruchsvoller. Aber der Wendelstein setzt eine gewisse Menge an Schnee voraus. Am Wendelstein, da brennt die Sonne stärker rein, da schmilzt der Schnee schneller ab. Das nutzen vor allem die Skitourengeher aus, weil bei zu wenig oder abgeschmolzenem Schnee die Lifte nicht betrieben werden. Und dann nutzen die die Hänge, laufen hoch und fahren runter.
Skitourengeher sind zu jeder Tageszeit unterwegs. Schön leise steigen sie herauf, genießen die Natur. Und dann sausen sie hinunter, fliegen über präparierte Pisten oder Tiefschnee hinunter. Sie sind hier überall, im Rotwandgebiet von Geitau aus oder Spitzing. Sie gehen am Miesing und am Taubenstein. Oder sie steigen abends über die menschenleeren Pisten auf zu den Hütten. Von Sonntag bis Mittwoch am Taubenstein und Sudelfeld. Skitourengehen sicher und mit Stirnlampenromantik.
Skitourengeher? Leise Helden. Früh, spät – immer eins mit Schnee und Hang.
Viele Wanderer sind unterwegs. Die ziehen durch wunderschönen Schnee in berg- und winterbeschaulicher Einsamkeit dahin. Stapfen mit Bergschuhen oder Schneeschuhen herum, steigen auf bewährten Wanderwegen hinauf auf die Berge. Familien sind mit ihren Kindern unterwegs. Am Tannerfeld können die Kleinen das Skifahren lernen, werden den Hügel mit einem Laufband hochbefördert, bevor sie mit Helm im Pflug den Hang hinabfahren. Oder die ganze Familie fährt beim Snowtubing das Tannerfeld auf einem Riesenreifen hinunter. Helm nicht vergessen! Wer es klassischer will, nimmt einfach seinen Schlitten und fährt damit hinunter. Und die Nostalgiker sitzen in Pferdeschlitten, gehen Schlittschuhlaufen auf den umliegenden Seen wie der Schliersee oder der Thiersee. Oder sie gehen Eisstockschießen, mal was ganz anderes.
Wärme tanken in der Geborgenheit der vier Wände.
Bald, wenn sie alle durchgefroren sind, zieht es sie wieder hinein in die warme Stube. In die Sauna. Mehr braucht es dann ohnehin nicht. Oder an den Kamin. Mit einer Tasse Tee oder Kaffee. Wärme tanken in der Geborgenheit der vier Wände. Vielleicht in einer Hütte die Einsamkeit genießen. Oder die Aussicht aus einem Hüttenturm: Wie friedlich über allem eine Haube liegt. Der Schnee, der alles zudeckt, alles weich macht. Und innerlich ruhig und warm . . .