„Nimm die Geschenke des Zufalls an“ – Nele von Mengershausen über Kunsttherapie am Tannerhof

Nele von Mengershausen gestaltet ein großflächiges Wandbild an der Wand des Innenschwimmbads am Tannerhof

Wie lange betreibst Du schon Kunsttherapie am Tannerhof – und wie entstand das Atelier?

Zur Kunsttherapie bin ich gekommen, weil der Kunstbetrieb mich genervt hat. Der kommerziellen Seite der Kunst, der Vermarktung, dem habe ich mich nach dem Abschluss meines Kunststudiums einige Jahre intensiv gestellt. Aber das, was mich wirklich interessiert – kreative Prozesse an sich zu erforschen und auszuleben –, das kam zu kurz. Die Kunsttherapie war in den 90iger Jahren so richtig im Kommen, und da bin ich dann eingestiegen und habe es nie bereut.

Meine künstlerische Arbeit entwickelt sich parallel immer weiter, so habe ich das Glück, die Kunst und die Therapie in mein Leben zu integrieren – das ist ein sehr kreativer Prozess.

Am Tannerhof bringe ich schon seit den 1990er Jahren kreative, therapeutische Ansätze ein. Das Atelier hatte ursprünglich eine ganz andere Bestimmung: Es war eine Rumpelkammer, ein Partyschuppen, und noch früher eine Lufthütte für Lungenkranke, die hier ihr Immunsystem stärkten, eingewickelt in Decken, während frische Luft durch die offenen Fenster strömte. Der Raum lag lange brach, bis ich die Möglichkeit erhielt, ihn als Atelier auszubauen – mit Wasser, Toilette und vor allem einem Ofen. Denn im Winter ist es wichtig, dass die Menschen, die hierherkommen, umsorgt sind. Das Feuerchen, das ich im Winter eine Stunde vor der Sitzung anmache, schafft nicht nur Wärme, sondern auch eine Atmosphäre, die sofort begrüßt: „Ach, wie schön.“ Es ist, als zünde es auch einen kreativen Funken in den Menschen an.

Das Feuerchen, das ich im Winter eine Stunde vor der Sitzung anmache, schafft nicht nur Wärme – es zündet auch einen kreativen Funken in den Menschen an.
Porträt von Nele von Mengershausen, Kunsttherapeutin am Tannerhof
Nele von Mengershausen

Was sind die philosophischen Prinzipien, die Deine Kunsttherapie prägen?

Kreativität ist eine universelle Ressource, die wir alle in uns tragen – schon die Steinzeitmenschen haben gemalt. Für mich geht es vor allem um Selbstausdruck und Ressourcenorientierung. Ich arbeite mit dem, was da ist, nicht mit dem, was fehlt. Das bedeutet: Wir konzentrieren uns darauf, wieder freizulegen, was die Menschen bereits in sich tragen. Das ist wirkmächtig – dass Menschen spüren, was zu ihnen gehört, und am Ende etwas in den Händen halten, das sie selbst geschaffen haben. Ein Bild ist mehr als ein Gefühl – es ist ein Zeugnis, das man sehen und anfassen kann.

Neonfarben sind zurzeit sehr beliebt. Das ist für mich ein Ausdruck für die Überreiztheit unserer Gesellschaft.

Deshalb interpretiere ich auch erstmal nichts, sondern stelle Fragen: „Was war beim Malen da? Wie hast Du angefangen, wie war Dein Prozess, wie fühlst du dich jetzt?“ Ich vermeide bewusst Werturteile oder mache auf die selbstkritische Sprache aufmerksam, wie „Das kann ich nicht“ oder „Ich bin kein Profi“. Jedes Bild ist eine Ressource. Das ist ein Grundsatz der Kunsttherapie. Jedes Bild hat eine Botschaft, die eine Ressource darstellt – wie der Mensch kreativ mit einem Problem umgehen kann.

Wie läuft eine Kunsttherapie-Sitzung bei Dir ab?

Jede Sitzung beginnt mit einer einfachen Frage: „Geht es dir um ein künstlerisches Anliegen, möchtest du etwas lernen, ausdrücken – oder gibt es ein Problem in deinem Leben, das du mit diesem Medium anschauen möchtest?“ So klären wir gemeinsam, worum es geht. Die Zeit ist begrenzt – 90 Minuten –, das ist eher viel Zeit, aber die Menschen müssen ja erst mal warm werden mit dem Medium. Während des Malens gebe ich Impulse, aber ohne zu lenken. Manchmal unterbreche ich: „Ist das schon fertig?“ – und oft kommt die Antwort: „Nein, da geht noch mehr!“ Oder ich helfe beim Mischen von Farben, wenn jemand zum Beispiel schon einen halben Eimer Rosa angemischt hat, ohne mit dem Ton zufrieden zu sein. Welche Farben die Menschen wählen, ist ohnehin schon interessant: Neonfarben sind zurzeit sehr beliebt. Das ist für mich ein Ausdruck für die Überreiztheit unserer Gesellschaft, sage ich jetzt mal ganz lapidar. Die Kontraste müssen so aufgeheizt sein, damit überhaupt noch jemand hinschaut. Und das macht mich manchmal ein bisschen traurig, weil es so wunderbare Erdpigmente gibt, aber die fallen vollkommen runter.

Blick durch das Fenster des Ateliers am Tannerhof
Ein Blick durchs Fenster
Innenansicht des Kunstateliers am Tannerhof mit Malutensilien
Das Atelier

Was passiert mit den Bildern am Ende?

Die meisten Menschen nehmen ihre Bilder mit – und freuen sich später, wenn sie sie zu Hause aufhängen. Andere zerstören sie, zum Beispiel wenn jemand unheimlich viel Wut losgeworden ist – da ist das Schöne am Malen, dass man dieses Gefühl auf das Papier bringen kann, ohne dabei jemanden zu verletzen. Manchmal entsteht dann der Wunsch, das Bild zu verbrennen oder zu zerreißen. Dieses Bedürfnis wird bewusst wahrgenommen, und wenn es so kommt, geschieht es auch. Wenn Bilder vergessen oder zurückgelassen werden, entsorge ich sie nach einer Weile.

Wie gehst Du mit Menschen um, die Angst vor dem leeren Blatt haben?

Ich ermutige sie, einfach loszulegen – mit geschlossenen Augen. „Nimm den Pinsel, tauche ihn in die Farbe, atme ein, und mit dem Ausatmen – zack, aufs Papier.“ Und dann öffnet man die Augen und schaut, was passiert ist. Das ist ein erster Schritt, der Mut braucht. Besonders für Menschen mit starkem Kontrollbedürfnis ist das eine befreiende Erfahrung.

In welchen Lebenslagen hilft Kunsttherapie besonders?

Kunsttherapie spricht Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenslagen an: Menschen in Trauer, die einen schweren Verlust verarbeiten, Menschen mit unterdrücktem Zorn, die ihrer Wut einen Ausdruck verleihen möchten, oder depressive Menschen, die wieder Zugang zu ihren Gefühlen finden wollen. Auch Burnout-Betroffene begleite ich regelmäßig – Malen ist ein fester Teil unseres Burnout-Angebots hier. Und dann gibt es einfach Menschen, die gerne malen – die ohne konkreten Anlass kommen, um ihre kreative Seite zu entdecken oder wieder in Kontakt mit ihr zu treten.

Und weißt du, was das Schönste ist? Die Zeit wird vergessen. Plötzlich heißt es: „Schon vorbei? Ich habe doch gerade erst angefangen!“ – ein Zeichen dafür, wie sehr das Malen in einen Flow-Zustand versetzt. Es ist erholsam und gibt den Menschen etwas zurück, das im Alltag oft verloren geht: die Erfahrung, im Hier und Jetzt zu sein.

Person gießt Farbe aus einer Tube auf die Hand, Malen im Freien am Tannerhof im Sommer
Mal ohne Pinsel…
Lichtdurchflutetes Atelier am Tannerhof mit großen Fenstern und Blick auf die Berge
Spuren des Malens an der Wand

Gibt es etwas, das du Deinen Teilnehmern immer wieder ans Herz legst?

Ja: ‚Nimm die Geschenke des Zufalls an.‘ Das ist ein Grundsatz, den ich immer wieder betone. Viele sagen: „Das war doch nur Zufall, das habe ich gar nicht gemacht!“ Doch ich betone: „Nein – das ist dein Unterbewusstsein, das sich zeigt. Lass diese Botschaften zu, sie müssen nicht sofort verbalisiert werden. Aber lass sie raus, damit du sie sehen kannst.“ Das sind meistens unheimlich potente Botschaften, die da rausflutschen.

Nimm die Geschenke des Zufalls an.

Malen ist anders als Schreiben – es ist direkter, freier und weniger kontrolliert. In der Schule lernen wir, Buchstaben zu formen, Sätze zu bauen. Aber hier geht es nicht um Technik oder Grammatik. Es geht um spontanen Selbstausdruck. Und das ist das Wichtigste.