Sein dürfen, ohne sein zu müssen. Das Naturcoaching am Tannerhof.

Birgit Holzwarth, Naturcoach am Tannerhof

Wie war Dein Werdegang? Was dich dazu gebracht hat, den Weg des Naturcoachings am Tannerhof einzuschlagen?

Ich denke, es waren zwei Sachen, die mich geprägt haben. Zum Einen die Natur und die Pflanzenheilkunde. Pflanzen haben mich eigentlich mein ganzes Leben lang begleitet, schon als Kind mit meiner Oma im Garten. Ich hatte immer eine andere Wahrnehmung von Pflanzen. Es geht nicht nur um Inhaltsstoffe - Pflanzen sind für mich mehr als das. Sie sind Qualitätsträger. Jede Pflanze hat ihr eigenes Wesen und ihre eigene Qualität. Ein Gänseblümchen ist einfach anders als eine Eiche.

Das zweite Thema, das mich immer wieder beschäftigt hat, ist das Bewusstsein. Wie nehme ich wahr? Welche Geschichten erzähle ich mir selbst, und wie verhalte ich mich daraufhin? Das ist das große Thema der Glaubenssätze.

Mein Weg führte mich über die Heilpraktikerschule, dann zur Kräuterpädagogikausbildung und verschiedenen anderen Kursen. Parallel dazu habe ich mich mit dem Thema Bewusstsein beschäftigt und eine Hypnose-Ausbildung gemacht, speziell im Bereich der Heilpraktiker-Hypnose. Schließlich kam ich zur Neuromental-Trainingsausbildung, die ich ein Jahr lang in Salzburg gemacht habe. Dort habe ich meinen „Methodenkoffer“ gepackt und ihn hier vorgestellt. Dann hat es die Idee gegeben, ein Angebot unter dem Namen Naturcoaching zu entwickeln. Da es aber „Naturcoaching“ schon als Begrifflichkeit gibt, habe ich eben noch eine Ausbildung zum Naturcoaching gemacht.

Das war eine wichtige Erfahrung, denn dort musste ich meinen Methodenkoffer wieder auspacken. Es geht eigentlich darum, erst einmal wieder Boden unter den Füßen zu finden. Es geht darum, die vielen Konzepte und Methoden, die wir entwickelt haben, loszulassen und stattdessen Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Es geht darum, wieder zu spüren, dass viele Antworten bereits in uns angelegt sind und nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Auf welchen Prinzipien beruht das Naturcoaching?

Das hängt häufig davon ab, bei wem man gelernt hat. Ich habe bei Andre Lorino gelernt zum Beispiel. Prinzipien? Ich denke, es sind eigentlich uralte Prinzipien – etwas Ursprüngliches, das im Wesen des Menschen und der Natur angelegt ist. Es ist nichts Neues, sondern eher eine Wiederentdeckung von etwas, das früher selbstverständlich war. Früher sind Philosophen durch die Natur spaziert, um Impulse zu erhalten und sich Fragen zu stellen. Ich glaube, je prinzipienloser man in die Natur geht, desto besser.

Wie läuft eine Sitzung bei dir ab?

Normalerweise frage ich zunächst, ob die Person einen bestimmten Wunsch hat – ob wir irgendwohin fahren sollen, von hier aus starten oder ob sie lieber einen Hügel erklimmen oder ans Wasser gehen möchte. Meistens gibt es aber keine konkreten Vorstellungen. Ich versuche, einen geschützten Raum zu finden, und auch etwas weg vom Tannerhof zu kommen, wie zum Beispiel die Niederhoferalm.

Dort gibt es verschiedene Möglichkeiten: einen kleinen Märchenwald, ein Flussbett oder Wasserstellen. Ich lasse die Person dann erst einmal losgehen und beobachte, wie sie sich bewegt.

Am Anfang sind viele noch in ihrem Kopf gefangen und laufen oft sehr schnell, noch mit diesem Leistungsgedanken im Kopf, die wir ja fast ständig in uns tragen. Dann sage ich: „Versuch doch mal, langsamer zu gehen. Nimm einfach wahr, was um Dich herum ist. Wie fühlt sich der Boden an? Wie fühlst du dich?“

Das ist oft der erste Moment, in dem sie aus dem Denken in den Körper kommen und ihre Wahrnehmung spüren. Viele sind dann unsicher: „Was soll ich jetzt tun?“

Ich sage: „Es ist okay, wenn Du Dich unwohl fühlst. Auch das darf sein.“ Es geht nicht darum, unangenehme Gefühle wegzumachen, sondern sie zu zulassen und zu betrachten: Wie fühlt sich das an? Wo spüre ich den Druck?

Nach einer Weile geben sich viele selbst die Erlaubnis, einfach zu sein und zu spüren, was passiert. Das ist zunächst ungewohnt, aber oft sehr befreiend. Am Anfang dachte ich, ich müsste aktiv eingreifen. Doch ich habe gelernt, dass die wertvollsten Momente entstehen, wenn ich einfach da bin und den Raum halte und zulasse, dass sich alles zeigen darf – ob Tränen, Wut oder Stille.

Wie gehst du mit Regen oder Winter um? Braucht man eine gewisse sportliche Fitness?

Abgesehen bei Gewitter oder Sturm, wo es aus Sicherheitsgründen nicht geht, kann das Coaching eigentlich bei jedem Wetter stattfinden, muss aber natürlich nicht. Ich habe immer Regenjacken, Wärmflaschen und Decken dabei, damit sich die Leute wohlfühlen.

Und genau unter solchen Bedingungen passiert oft das Wichtigste – was bei schönem Wetter vielleicht nie zutage getreten wäre. Regen klärt. Die tiefsten Erlebnisse entstehen oft, wenn jemand den Mut hat, bei Regen rauszugehen. Von innen sieht Regen wenig einladend aus – aber wenn man sich in ihm bewegt, ist es oft herrlich.

Im Winter hatte ich bisher selten Naturcoaching-Sitzungen, aber es ist genauso möglich. Wichtig ist die Wegwahl – ich würde keine glatten Pfade nehmen. Schnee bietet wunderbare Möglichkeiten: Spuren hinterlassen, etwas gestalten.

Sportliche Fitness? Überhaupt nicht! Ich humpel selbst manchmal, je nach Hüftzustand. Es geht nicht um Leistung, sondern darum, langsam zu gehen und wahrzunehmen.

Gibt es Menschen, für die das Naturcoaching mehr oder weniger in Frage kommt?

Wenn ich frage, warum jemand zu mir gekommen ist, heißt es oft: „Es hat mich einfach angesprochen, aber ich weiß nicht genau, was dahintersteckt“ Das ist eigentlich das Beste – keine Erwartungen zu haben.

Es ist tatsächlich so, dass nicht alle Leute passen. Viele Menschen haben verantwortungsvolle Berufe und komplexe Lebenssituationen, für die sie nach Lösungen suchen. Sie wollen etwas Konkretes an die Hand. Das ist okay – aber dann passt Naturcoaching nicht: Es geht nicht um ein neues Tool, nicht um ein neues Konzept und nicht um eine neue Technik. Sondern darum, wieder wahrnehmen zu lernen – einen Raum für sich selbst zu haben, sich das zu erlauben und dieses Vertrauen wiederzugewinnen. Das ist für mich sozusagen die Essenz dieses Angebots.

Du bietest auch die Kräuterwanderung an am Tannerhof. Erkennst du Schnittstellen zwischen dieser und dem Naturcoaching?

Ja, ich versuche es auch bei meinen Kräuterwanderungen hauptsächlich schon, die Wirkung der Pflanzen zu erklären – das ist es, was die Leute interessiert: „Wie kann ich es nutzen?“ Aber ich versuche einfach schon mal, kleine Impulse einfließen zu lassen, dass man zum Beispiel sich mal auch so einen Löwenzahn anschaut, der wunderbar ist für Lebergalle-Mittel. Aber auch mal seine Wandlungsfähigkeiten zu betrachten: Der Löwenzahn kann bis zu 1,5 Meter tief wurzeln – unfassbar! Aber er kann auch den Asphalt durchbrechen, hat diese schöne gelbe Blüte, und dann plötzlich, trotz aller Bitterkeit und Kraft, kommt diese Pusteblume, dieses feine Gebilde, diese Leichtigkeit. Und wenn du das mal betrachtest, wie leicht die Samen auf dem Kelchgrund sitzen, dass nur ein bisschen Wind braucht, und es hebt sich – und er lässt dann auch wieder los. Trotz seiner ganzen Festigkeit. Und dass man das einfach mal so betrachten kann, ohne dass ich sage: „Das musst du jetzt auf dein Leben übertragen!“ Klar, Loslassen ist ein großes Thema, aber ich meine, manche Leute spricht es an, manche nicht.

Welche Lehren ziehst Du persönlich aus der Natur?

Ich lerne in der Natur, dass Veränderung das Leben ist – oder Leben Veränderung ist, dieser klassische Kalenderspruch. Der Baum hat seine Verletzungen, vielleicht ist ein Ast abgebrochen, trotzdem ist er noch da. Der Holunder sieht im Winter fast tot aus – und dann sprießt er wieder und macht feine Blüten und kräftige Beeren. Jeder hat seine Qualitäten und sein Wesen und sie haben dieses klassische Vertrauen, dass alles gut ist – wobei „gut“ natürlich wieder eine Bewertung ist. Alles ist inbegriffen: Krankheit, Tod, schlechte Gefühle, gute Gefühle.

Ich glaube, die Natur als Resonanzraum kann für uns alle ein großer und guter Begleiter sein – in ganz vielen verschiedenen Phasen und Fragen. Dieses Seele-Nährende, einfach dieses Sein-Dürfen, ohne Sein-Müssen - das ist für mich etwas Wesentliches, was wir immer mehr verlieren, weil wir das Gefühl haben: „Ich muss was leisten, ich muss so und so aussehen, ich muss die und die Figur haben.“ Alle unsere Glaubensbilder, die wir haben, wie wir sein müssen, lassen diese Ursprünglichkeit verloren gehen.

Aber ich glaube, dieses Wieder-Sein-Dürfen, sich auf Ursprüngliches, was mich selbst ausmacht, berufen zu dürfen – das ist das, was mir die Natur gut beibringen kann.