Longevity – ein paar Begrifflichkeiten
Longevity bedeutet wörtlich übersetzt Langlebigkeit. Die Deutsche Longevity Gesellschaft schreibt: „Longevity bedeutet, Altern bewusst zu gestalten – gesund, aktiv und selbstbestimmt“.
Der Fokus wird auf den Healthspan gerichtet, die Lebensphase, in der ein Mensch möglichst lange gesund, funktionell leistungsfähig und selbstständig bleibt. Hier geht es also um die Qualität. Im Gegensatz dazu steht der Begriff Lifespan, also unsere Gesamtlebensspanne. Reine Quantifizierung ohne qualitative Aspekte.
Ein ebenso wichtiger Begriff ist die Epigenetik – also inwieweit Umwelt und Lebensstil jenseits der Genetik unsere Gesundheit und unseren Healthspan beeinflussen können. Man geht von einer Aufteilung ca. 30% Genetik, ca. 70% Umwelt+Lebensstil = Epigenetik aus.
Longevity ist die Wiederbelebung der Ideen der klassischen Naturheilverfahren
Was gefällt mir an Longevity?
Präventionsmedizin
Die Interpretation von Longevity im Sinne von „gesünder und fitter und lebensfreudiger älter werden“ ist die zeitlose, sinnvolle und immer gültige Idee von Gesundheitsvorsorge, Präventionsmedizin im neuen Gewand. Jetzt heißt es halt anders. Der Markt lässt sich immer wieder neue Begrifflichkeiten einfallen. Erst Anti-Aging, dann Wellness, dann Medical Wellness, jetzt Longevity. Sinn macht es trotzdem.
Longevity ist die Wiederbelebung der Ideen der klassischen Naturheilverfahren und ihrer fünf Therapiesäulen:
1. Wasser (Temperatur) Therapie – damals Kneippsche Güsse und -bäder. Jetzt immer noch Kneipp – zumindest im Tannerhof. Und zusätzlich Eisbaden, Kältekammern, Sauna. Durch den Reiz des Temperaturwechsels wird unser Immunsystem gestärkt, die Gefäße lernen sich besser zu regulieren, die Kälte wirkt antientzündlich und schmerzlindernd. Die Laune steigt.
2. Bewegungstherapie – damals moderater Ausdauersport und Gymnastik. Jetzt immer noch Ausdauersport, ergänzt um gezielte Kraftübungen zur Stärkung der Muskeln und zunehmend auch Balanceübungen. Der Erhalt von Muskulatur ist einer der wichtigsten Faktoren für gesünderes älter werden. Die Knochen bleiben stabiler, die Sturzgefahrgeringer, der Stoffwechsel ist aktiver, dadurch geringere Gewichtszunahme und wenigerStoffwechselerkrankungen.
Heilfasten und Autophagie - Impulse für Zellerneuerung
3. Ernährung/Fasten – früher Vollwerternährung und einmal im Jahr eine Heilfastenkur. Heute möglichst Pflanzenbasiert essen mit ausgesuchten pflanzlichen und weniger tierischen Proteinen sowie guten Kohlenhydraten, hochwertigen Ölen. Möglichst bio und regional, möglichst wenig fremdverarbeitet. Zum Beispiel im Sinne der Planetary health diet. Und weiter Heilfasten - Detox, ergänzt um Intervallfasten oder intermittierendes Fasten. Fasten und Intervallfasten regen die Autophagie Prozesse an, die sich auf vielen Körperebenen zellverjüngend und antientzündlich auswirken.
4. Heilpflanzen/Nahrungsergänzungsmittel/Medikamente – früher Heilpflanzen Tees, pflanzliche Arzneimittel. Heute immer noch Heilpflanzentees. Zunehmend wichtig eine individuell ausgewogene Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wie Vitamin D, B-Vitamine (besonders bei veganer Ernährung), Omega 3, Q10, Spurenelementen wie Lithium, Selen. Ausgesucht und angepasst. Nicht nach dem Motto „viel hilft viel“. Und zuletzt können im Einzelfall auch Longevity gehypte Medikamente wie Metformin im Einzelfallsinnvoll sein. Jedoch auch da – ausgesucht und bitte mit fundierter ärztlicher Beratung.
5. Lebensstruktur (Ordnungstherapie) – unter Ordnungstherapie verstand man schon damals ein ausgewogenes Leben zwischen Anspannung und Entspannung. Zwischen genügend Schlaf und Wachsein. Mit sportlicher Aktivität und Ruhe. Mit Struktur beim Essen im Sinne von das Wort Mahlzeit wörtlich nehmen. Mit Kultur, Seelennahrung und einem stabilen sozialen Umfeld. Mit einer Sinn gebenden Beschäftigung.
Schon als junge Ärztin empfand ich diese Säule der Ordnungstherapie trotz der etwas irreführenden Begrifflichkeit für besonders wichtig. Heute ist diese Ordnungstherapie in der Longevity Säule „Psychisches Wohlbefinden“zusammengefasst. Mir gefällt der alte Begriff besser.
Eine Grunderkenntnis, eine Klammer um diese fünf Naturheilverfahren Säulen ist das Reiz-Reaktionsprinzip. Unser Körper und unsere Seele brauchen Reize. Temperaturreize, Mangelreize, Bewegungsreize, Stressreize. Wer nur warm gepampert rumsitzt, isst,sich nicht bewegt, keinen Herausforderungen begegnet, wird krank und wahrscheinlich auch depressiv.
In der Longevity Szene ist diese Idee auch eine wichtige Grundlage mit einer neuen Begrifflichkeit: Hormesis (griech.: „Anregung, Anstoß“, engl.: adaptive response). Hormesis ist ein schöner und passender Begriff.
Ordnungstherapie und das Reiz-Reaktionsprinzip als Klammer der Longevity
Selbstwirksamkeit
Das spannende an diesen fünf Säulen der Naturheilverfahren und somit auch der Longevity ist, dass wir ganz viel davon selbst umsetzen können. Wir lernen unseren eigenen Einfluss auf unser Wohlbefinden kennen. Wir werden Selbstwirksam. Selbstwirksam ist, wer Eigenverantwortung für sich, seinen Körper – Geist –Seele übernimmt. Unser Körper ist unser „best buddy“. Und deswegen kümmern wir uns liebevoll (!, nicht übertrieben) um ihn. Und es geht nicht um „ich muss, ich sollte“, sondern um „ich will mich um mich kümmern, weil es mir gut tut“. Das wirklich Berührende ist – es ist nie zu spät. Selbst wenn wir mit 80 anfangen, wird unser Körper es uns danken.
Wer die eigene Selbstwirksamkeit lebt, hat auch verstanden, dass man selbst des „eigenen Glückes Schmied ist“. Nicht der Chef, die Arbeit, das System, Familie, Freunde, der Wohnort, etc. sind alleine schuld daran, wenn es mir nicht gut geht. Ändern kann es jedoch nur ich selbst. Durch mich.
Longevity im Sinne von höher-schneller-weiter ist eine Missinterpretation.
Das erscheint mir problematisch:
Die Übertreibung und das wörtlich nehmen des Begriffs Longevity im Sinne von „noch älter werden“.
Über 100 werden, ja sogar ewig zu leben, weil der medizinische Fortschritt den natürlichen Alterungsprozess eingeholt haben wird. Siehe Project „Blueprint“ von Bryan Johnson.
Wer das möchte, hat sich nicht mit seinem ziemlich sicheren Tod auseinandergesetzt. Und wie wären die Auswirkungen auf unser Sozialsystem? Rente mit 90? Diese Konsequenz müsste man dann logischerweise tragen.
Die Übertreibung in der Optimierung.
Das verkrampfte dogmatisch alles richtig machen zu wollen. Wo bleibt der lässige Genuss? Wer nur mit Selbstoptimierung beschäftigt ist, lebt vielleicht länger, das aber durchaus langweilig und irgendwie „unlebendig“.
Die Verunsicherung der Eigenwahrnehmung.
Viele haben sich von ihrem Körper entfernt und verstehen sich nicht mehr. Es fehlt das Selbst-Bewusstsein, das Sich-Spüren, das Selbst-Vertrauen. Insbesondere bei unseren jüngeren Patienten fällt das auf. Und dann wird gemessen, getrackt, was das Zeug hält. Das schafft natürlich wieder Verunsicherung. Man sucht Rat – im Netz, bei der AI, bei Gesundheitsexperten. Ob die Frage „Wie geht es mir wirklich?“ dann ganzheitlich beantwortet wird, lassen wir mal offen.
Die in manchen Bereichen übertriebene Kommerzialisierung, die häufig mit diesen Trends einhergeht. Wenn z.B. Preise für Infusionen (=Drips) mit angesagten Longevity Zusätzen im Bereich von 400 bis 500 Euro aufgerufen werden. Wenn die Gewinnmaximierung über den üblichen Margen liegt, die für die gesunde Entwicklung eines wirtschaftlichen Unternehmens wichtig sind. Der Markt gibt’s her. Selbstwirksamkeit lernt man dadurch nicht.
Unverkrampftheit, Humor und tiefer-langsamer-näher am Tannerhof
Fazit:
Auf den Tannerhof bezogen. Natürlich müssen wir als Gesundheitsunternehmen mit Wurzeln auch diesen Trend und diese Begrifflichkeit mitnehmen. Letztlich zeigt die Deutung des Begriffs Longevity, dass es im Grunde genommen genau das ist, was der Tannerhof seit seiner Gründung vor 121 Jahren seinen Gästen anbietet.
We do Longevity since 1905. Mit Augenmaß, individueller Beratung, ohne Verkrampftheit. Und mit Humor. Weniger ist mehr und tiefer-langsamer-näher. Das sind unsere Tannerhof Signatures.
Ein besonders wichtiges Anliegen in unserer Tannerhof Praxis ist es meinen Kolleginnen und mir, unseren Patienten diese Selbstwirksamkeit zu vermitteln. Und es ist so berührend und Sinn gebend für uns, wenn Gäste/Patienten nach einem Jahr wieder zurückkehren und von ihrer neu erfahrenen Selbstwirksamkeit in ihrem Leben berichten.
Longevity und das Thema Eigenverantwortung weiter gedacht. Auch das ist Ganzheitsmedizin…
Eigenverantwortung könnte Teil einer Lösung für ein dringend neu zu gestaltendes Gesundheitssystem sein.
Eigenverantwortung, Selbstwirksamkeit spüren und sich der eigenen Wichtigkeit im Beitrag zum Gemeinwohl bewusst sein, könnte auch Teil einer Lösung für unsere aktuelle gesellschaftspolitische Lage sein.
Da sprechen wir von Visionen. Aber gerade die braucht es doch. Positive Visionen.







