Der Tannerhof in Bayrischzell wächst weiter – und bleibt sich doch treu. Nach mehr als zehn Jahren seit dem letzten großen Umbau ist ein neues Haus entstanden, das zugleich reduziert und vielschichtig wirkt. Im Gespräch mit Bauherrin Burgi von Mengershausen und Architekt Florian Nagler wird klar: Hier geht es nicht um spektakuläre Gesten, sondern um das Wesentliche.
Eine lange gemeinsame Geschichte und Werte in der Zusammenarbeit
Wie fühlt es sich für euch an, am Tannerhof ein neues Projekt abzuschließen?
Burgi: Das ist sehr berührend. Wir kennen uns seit 2007 und haben unser erstes großes Projekt 2011 realisiert. Nach so langer Zeit hieß es dann: Wir sollten das Badehaus weitermachen – eigentlich als zweiter Schritt des großen Umbauprojekts gedacht. Am Ende ist etwas ganz anderes daraus geworden, aber etwas Wunderschönes und sehr Bewegendes. Darüber freue ich mich total.
Florian, du bist der Architekt des gesamten Projekts. Wie fühlt es sich für dich an?
Florian: Der Tannerhof ist schon ein besonderes Projekt, weil wir ihn – wie Burgi gerade gesagt hat – schon lange begleiten. Beim letzten Mal haben wir vier Jahre gebraucht vom ersten Kennenlernen bis zur Umsetzung. Auch diesmal haben wir uns Zeit gelassen und viele verschiedene Varianten abgewogen. Ich bin sehr froh, dass es schließlich genau die Lösung geworden ist, die wir jetzt umgesetzt haben. Denn dieses Haus passt einfach wunderbar zum Tannerhof.
Was war damals für dich der Reiz, das Projekt Tannerhof zu beginnen?
Burgi: Natürlich die tollen Bauherren, richtig? (lacht)
Florian: Bauen ist Vertrauenssache. Wenn man ein Projekt gemeinsam angeht, sollte die Chemie zwischen den Beteiligten stimmen. Man braucht das Gefühl, gemeinsame Interessen zu haben und auf dasselbe Ziel hinzuarbeiten – dieses Gefühl hatte ich ziemlich schnell. Dann wird es eine superschöne Aufgabe, gerade in einer landschaftlich so besonderen Situation. Der Bestand war herausfordernd: ein Gebäude mit hundertjähriger Geschichte, das über die Jahrzehnte immer weitergebaut und weiterentwickelt wurde. Die entscheidende Frage für mich war: Wie bauen wir heute auf dem Land? Wie schaffen wir etwas, das in eine ländliche Umgebung passt, ohne zu verleugnen, dass es im Hier und Jetzt entstanden ist?
Der Bestand war herausfordernd: ein Gebäude mit hundertjähriger Geschichte, das über die Jahrzehnte immer weitergebaut und weiterentwickelt wurde.
Welche gemeinsamen Werte verbinden euch?
Burgi: Das Freisein von Konventionen und die Fähigkeit, unkonventionell zu denken. Das verbindet uns sehr. Etwas Neues zu entwickeln, wie damals die Idee, statt einiger Hütten Türme zu bauen. Das war spannend: in die Höhe zu gehen, ohne zusätzliche Fläche zu versiegeln. Dann die Liebe zum Holz als unglaubliches Baumaterial, die Liebe zur Schlichtheit und das Prinzip ‚weniger ist mehr'. Das alles teilen wir.
Genauso wichtig ist uns, Dinge gemeinsam weiterzuentwickeln. Wir haben das Hotelfach ja nicht gelernt, wir sind eigentlich Ärzte. Und auch für dich Florian war es spannend, weil du gesagt hast: ‚Ein Hotel habe ich bisher noch nicht gemacht.' So haben wir uns beide in etwas Neues begeben, wo wir gemeinsam lernen konnten. Und, nicht zuletzt, verbindet uns auch der Humor.
Florian: Man muss ja auch über sich selber lachen können. Das ist total wichtig. Gemeinsam – das trifft es sehr gut. Wir haben Lust, auch das zu akzeptieren, was der andere in ein Projekt einbringt. Aber am Tannerhof ist es besonders: Da sagt man hinterher, das wäre nie so geworden ohne die Bauherren. So ein Projekt kann man als Architekt nicht allein ‚gebären', es entsteht im Dialog.

Vom großen Plan zur Essenz - die Kunst des Weglassens
Burgi, wann war für dich der Moment, an dem du gespürt hast: Jetzt ist es wieder Zeit für etwas Neues?
Burgi: Das war ungefähr 2018. Den ersten Umbau hatten wir 2011 abgeschlossen, und damals war eigentlich schon vorgesehen, das Badehaus in einem zweiten Schritt zu renovieren und zu verschönern. Schon damals haben wir überlegt, ob ein Außenbecken nicht schön wäre.
Es begann also wieder ein spielerisches Drauflosplanen, und über die Jahre kam immer mehr dazu. Wir dachten zwischenzeitlich sogar darüber nach, im Ostflügel der Neuen Tann etwas zu verändern, und überlegten, ob wir das Indoor-Schwimmbad überhaupt noch brauchen.
Alles war bereits durchgeplant, bis uns eine Pandemie ausbremste. Dann folgten weitere Krisen, Materialengpässe und enorme Kostensteigerungen. Irgendwann standen wir vor einem Gesamtkonzept, das nicht mehr finanzierbar war. Also haben wir die Reißleine gezogen.
Am Ende ist das hier die Essenz all dieser großen Planungen, die wir nun umgesetzt haben. Und ich freue mich sehr darüber, weil es sich gut anfühlt und einfach tannerhöferisch ist.
Man braucht bei solchen Projekten ja manchmal Zeit, um zu prüfen: Passt das überhaupt noch zu uns?
Florian: Die Essenz ist gut, und ich bin wirklich froh, dass vieles, was wir zwischendurch geplant hatten, am Ende nicht umgesetzt wurde. Es war so etwas wie ein Einkochen – immer kleiner, immer angemessener. Manchmal ist es auch ein Vorteil, wenn nicht genügend Geld vorhanden ist: Dann überlegt man sich zweimal, was man wirklich braucht, und baut nur das, was wichtig und wesentlich ist. Auf der Tür zum Hofladen steht der Satz: ‚Mensch, werde wesentlich.' Diesen Gedanken habe ich bei unseren Projekten hier immer im Hinterkopf behalten.
Wie kam es dazu, dass ihr die Harpfe als Ausgangspunkt genommen habt?
Florian: Nach meinem Verständnis stammt die Harpfe aus der Landwirtschaft: ein Holzgerüst, das man zum Trocknen von Heu oder zum Einlagern anderer Dinge verwendet – eine offene Konstruktion mit einem schützenden Dach darüber. Auf die Idee kamen wir, glaube ich, durch Roger. Er wollte immer schon eine Harpfe, und ich fand das ebenfalls ein sehr schönes Thema.
Mit der Harpfe haben wir tatsächlich ganz reduziert angefangen: nur mit dem Dach. Nach und nach kamen dann Elemente hinzu, wie der schöne Ruheraum oder die Sauna auf der anderen Seite. Trotzdem hat das Ganze den Charakter eines offenen Gestells mit einem schützenden Dach behalten – ein starkes Element in der Landschaft.
Burgi: Für uns besteht eine lange Verbundenheit mit den Harpfen. Die ersten haben wir in Kärnten und Osttirol entdeckt. Archaische Bauten, die so selbstverständlich dastehen und dabei die Natur nicht erdrücken oder verdecken, sondern sie im Gegenteil noch verstärken. Genau das ist auch hier gelungen: eine Architektur, die das Naturerleben intensiviert und neue Bilder schafft.

Blick in die Zukunft
Burgi, ist das Projekt Tannerhof für euch jetzt rund?
Burgi: Der Tannerhof ist tatsächlich nie fertig. Er ist immer ein Prozess und auch eine Mehrgenerationenaufgabe. Wir sind jetzt die vierte Generation hier, und es wird weitergehen. Als wir die Planung auf das Wesentliche reduziert hatten, war es unser Sohn Jonas, der meinte: ‚Ihr müsst da unbedingt noch Fitnessräume einbauen. Wenn ihr das nicht macht, seid ihr echt total doof.' Und er hatte recht.
Für die nächste Generation, die hier arbeitet und wirkt, wird es also immer neue Aufgaben geben: Hütten müssen renoviert, Zimmer erneuert werden. Neben der Architektur ist das Thema Energie natürlich ein sehr wichtiges, um den Tannerhof zukunftsgerichtet aufzustellen.
Ich wünsche mir, dass unsere Gäste ähnlich berührt werden wie ich.

Wenn das Projekt fertig ist und die ersten Gäste es nutzen — was ist euer Wunsch?
Florian: Eigentlich habe ich gar keine besonderen Wünsche. Man muss mit seinen Häusern nicht unbedingt etwas Spezielles bewirken wollen. Menschen sind so unterschiedlich, sie empfinden Räume ganz verschieden. Natürlich wäre es schön, wenn sie sich wohlfühlen und wenn sie es als Bereicherung des Tannerhofs erleben.
Im Grunde ist es ja etwas Kleines: eine Wand, ein paar Räume dahinter, davor ein Holzgerüst und ein Schwimmbad. Nichts Riesiges oder Spektakuläres. Aber es schafft und gibt unglaublich viele verschiedene Situationen. Ich sitze zum Beispiel jetzt hier im Ruheraum und schaue den Wolken zu, wie sie über den Berg ziehen – da könnte man stundenlang sitzen.
Bei aller Reduktion ist am Ende also doch ein vielschichtiges Projekt entstanden.
Burgi: Ich wünsche mir, dass unsere Gäste ähnlich berührt werden wie ich. Einfach hier zu sitzen, da zu sein – ohne bewusst zu merken, was mit einem passiert. Nur hinausschauen und sich denken: ‚Boah, ist das schön. Wunderbar, dass es so etwas noch geben darf.'







