Es gibt am Tannerhof diesen einen Moment kurz nach Sonnenaufgang, in dem das Tal noch still ist, die Berge im Gegenlicht langsam zu leuchten beginnen und die Wiesen unterhalb des Hofs in einem Grün daliegen, das fast zu satt wirkt, um wahr zu sein. Dann liegt er da, unten, mitten auf der Wiese: ein langes, ruhiges Stahlband, fünfundzwanzig mal fünf Meter, und darin, völlig unbewegt, schaukeln die Spiegelbilder der Hänge. Wer zu dieser Stunde aus seinem Zimmer tritt, die Wiese quert, bevor das Haus erwacht, weiß ohne Worte: Hier ist etwas entstanden, das dem Sommer einen Halt gibt.
Die Badeharpfe, so heißt der Bau, braucht keine großen Worte. Sie ist, wenn man so will, ein Dach auf Beinen. Ein archaisches Holzgerüst, wie man es im östlichen Alpenraum seit Jahrhunderten kennt: in Kärnten, in Osttirol, in Slowenien. Dort werden auf solchen Konstruktionen Heu und Getreide getrocknet, Licht und Luft übernehmen die Arbeit. Am Tannerhof ist nun die, wahrscheinlich, weltweit erste Harpfe entstanden, in der man badet, schwitzt und ruht. Florian Nagler, seit fast zwanzig Jahren der Architekt dieses Hauses, hat ihre Herkunft präzise beschrieben: ein offenes Gerüst mit einem schützenden Dach, selbstverständlich dort, wo es steht, parallel zu den Höhenlinien. Burgi von Mengershausen, die den Tannerhof in der vierten Generation führt, formuliert es klarer: eine Architektur, die das Naturerleben intensiviere und neue Bilder schaffe. Das ist, im schönsten Sinne, untertrieben.
Der Berg, der Pool, das Licht
Fünfundzwanzig Meter Edelstahl, naturgereinigt, beheizt von April bis Oktober. So liest sich das Datenblatt, und so wenig erzählt es. Wer die ersten Bahnen zieht, begreift sofort, warum dieses Becken hier vor der Harpfe so wichtig ist. Es ist nicht das warme Wasser, das den Unterschied macht, sondern das, was darüber geschieht. Der Blick steigt mit jedem Atemzug den Seeberg hinauf, das Gebälk der Harpfe rahmt ihn wie einen gemalten Stich, und das Wasser selbst ist so klar, dass man den eigenen Schatten auf dem Boden tanzen sieht. Rund um das Becken stehen Liegen mit bunten Sonnenschirmen, die im leichten Sommerwind leise klopfen. Sommer heißt am Tannerhof im Jahr 2026: aus dem Bett, über die Wiese, ins Becken. Irgendwo zwischen den Bäumen zwitschert ein Vogel, während man Meter für Meter in den Tag hineinzieht.

Im Winter klirrt es hier. Dann wird der Pool zum Eisbecken, die Bergluft beißt auf Schultern und Schlüsselbein, und die Sauna über einem versteht man plötzlich nicht mehr als Annehmlichkeit, sondern als Rettung. Aber jetzt, im Sommer, darf alles langsam werden.
Nichts Riesiges, aber unglaublich viele Situationen
Florian Nagler hat im Gespräch mit Micol Krause einen Satz gesagt, der diesen Bau genau fasst: „Im Grunde ist es ja etwas Kleines: eine Wand, ein paar Räume, davor ein Holzgerüst und ein Schwimmbad. Nichts Riesiges oder Spektakuläres. Aber es schafft und gibt unglaublich viele verschiedene Situationen.“ Wer einen Tag in der Harpfe verbringt, beginnt sie irgendwann aufzuzählen. Die schattige Liegeseite unter dem Dach, auf der man nach dem Schwimmen liegt, während der Berg in der Luft flimmert. Den Ruheraum im ersten Stock, holzduftig, rundum verglast, mit Weißhäupl Maliha Loungern, aus denen man den Wolken beim Ziehen über den Hang zusieht. Die andere Treppe hinauf, die finnische Sauna, hinter deren großen Panoramafenstern das ganze Tal und der Wendelstein liegen. Die beiden Fitnessräume, halb in den Hang gegraben, mit der hohen Brüstung, hinter der ein Streifen Wiese steht, als wolle er einen ansehen.
Die Idee, all das auf einer einzigen Achse anzuordnen, stammt aus einer langen, krisengeprägten Planungsgeschichte. Angedacht waren einmal ein neues Badehaus, ein trockengelegtes Indoorbecken, ein Poolrestaurant im großen Stil. Dann kamen Pandemie, Lieferengpässe, Kostenexplosionen, und die Dinge mussten kleiner werden. Nagler nennt das „Einkochen“, Burgi nennt es „die Essenz“. Beide meinen dasselbe: weglassen, bis nur noch das bleibt, was trägt. Auf der Tür zum Hofladen steht seit Jahren jener Satz, den man am Tannerhof nicht erklären muss: „Mensch, werde wesentlich.“ Die Harpfe ist, sehr genau besehen, die bauliche Antwort darauf.


Ein Tag, der sich von selbst findet
Ein Sommertag am Tannerhof folgt keiner Agenda, und genau das ist sein Luxus. Er beginnt meist auf einem Platz mit Aussicht. Ein Kaffee oder Tee in der Hand, die Bergluft tief atmen, den Wiesen beim langsamen Erwachen zusehen. Dann die erste Bahn im Pool, bevor das Frühstücksbuffet aufgebaut ist, und danach, noch mit feuchtem Haar, das kleine feine Frühstück in der Alten Tann. Bircher Müsli, Bio-Joghurt, Käse von der Tegernseer Naturkäserei, Brot aus der Bayrischzeller Biobäckerei, Kaffee von den Dinzlers, Tee von Herbaria. Nichts davon laut. Alles davon gut.
Der Vormittag gehört der Bewegung. Wer will, läuft die Seebergrunde, eine der schönsten Wanderungen der Gegend, die Romy von Mengershausen selbst zu ihren Lieblingstouren zählt. Wer höher hinaus möchte, wandert über den König-Maximilian-Weg Richtung Wendelstein, streift die Wendelsteiner Almen, steht irgendwann da oben und sieht, wie das Leitzachtal unter einem liegt. Wer lieber unten bleibt, läuft flach durch das Tal, entlang der Bäche, an denen sich ab und zu Biber niederlassen und die Landschaft auf ihre eigene Art neu schreiben.


ECHTE HANDARBEIT
Zurück am Hof wartet, wer es möchte, das andere Tannerhof-Können, das der Sommer im Freien leicht übersehen lässt. Das Badehaus ist seit Generationen das therapeutische Herz des Hauses, und es steht auf zwei Beinen: Medizin und Handwerk.
Auf der ärztlichen Seite führen Burgi von Mengershausen, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren und Ernährungsmedizin, und ihre Kolleginnen Alexa Kaiser und Gabriele von Bergmann bereits die vierte Ärztegeneration am Tannerhof fort. Das Prinzip dieser Sprechstunden ist auf den ersten Blick unspektakulär und auf den zweiten radikal: Es wird zuerst zugehört. Dann gesprochen. Erst dann behandelt. Die Leistungen reichen von der ausführlichen Gesundheitsuntersuchung über Labor, EKG und Ultraschall bis zum IHHT-Höhentraining und der Ozon-Eigenbluttherapie. Alles ohne Eile. Alles nach Gespräch und immer individuell.
Daneben öffnet sich eine weitere Schatzkammer: über fünfzig Behandlungen, die den Tannerhof seit mehr als hundert Jahren prägen. Eine klassische Ganzkörpermassage, in der Kopf, Nacken und Rücken alles abbekommen, was der Alltag eingeschleppt hat. Eine Fastenmassage, die Bauch und Kopf gleichzeitig beruhigt. Ein Kneipp'scher Wechselguss, so alt wie die Methode, nach der er benannt ist, und so belebend, als wäre er heute erfunden worden. Ein Moorpack, dessen Wärme noch Stunden später in den Beinen sitzt. Dazu die Gesichts- und Körperbehandlungen mit den Naturkosmetiken, Peelings mit Alpenkräutern und Sesamöl, eine Honigmassage, die bayerisch klingt und in Wahrheit entschlackt. Und, mit einem schönen Brückenschlag in die Harpfe hinüber, der Heuwickel. Auf der Harpfe im Alpenraum wird Heu getrocknet; am Tannerhof wärmt genau dieses Heu, in ein Vlies gewickelt, die Leber der Faster. Die Naturheilkunde nennt ihn das „Morphium“. Wer einmal unter einem solchen Wickel gelegen hat, weiß, warum. Auf dem Aushang steht in großen Lettern zwei Worte: ECHTE HANDARBEIT. Genau so fühlt es sich an.


Und dann ist da das Wochenprogramm. Sechs Tage die Woche, morgens und am späten Nachmittag, ein Angebot, das so breit ist wie das Haus selbst. Yoga auf dem Sonnendeck im Wald, mit Blick auf die Hänge. Feldenkrais im Seminarraum, so fein, dass man erst beim Aufstehen merkt, was passiert ist. Tai Chi draußen, wenn das Wetter mitspielt. Pilates, Stretching, Theraband, autogenes Training, Nordic Walking, Aqua-Fitness im Indoorbecken. Dazu, fast täglich, eine geführte Wanderung durch das Leitzachtal oder hinauf in die Berge. Ein paar Schritte über den Hang liegt das alte Atelier, früher eine Liegehalle, heute Arbeitsplatz von Nele von Mengershausen, Künstlerin und die Seele des Hauses, mit Malgruppen und Kunsttherapie für Menschen, denen Worte gerade fehlen oder zu viel sind.
Mittag und Nachmittag
Mittags wird am schönsten draußen gegessen. Wer den ¾ Takt genießt, nimmt sich vom Salat'n Sound Buffet, das den Namen ernst nimmt und eine Auswahl aus Salaten, gutem Öl und Bioprodukten aufbietet. Wer die Schlanke Tanne gewählt hat, bekommt ein dreigängiges Low-Carb-Menü, das Küchenchef Elias Lang ohne Mitleid mit Nudeln, aber mit viel Freude an Gemüse, Fisch und den richtigen Fetten komponiert. Und wer fastet, nimmt seine milde Gemüsesuppe in aller Ruhe im Fasterzimmer.
Danach ist die eigentliche Stunde der Harpfe. Wenn die Sonne schon gewandert ist und das Gebälk lange Schatten auf das Sonnendeck legt, werden die Liegen am Pool zu einem Lesezimmer unter freiem Himmel. Manche ziehen Bahnen, andere stehen im flachen Ende und schauen, wieder andere steigen die Treppe hinauf in den Ruheraum und verschwinden für zwei Stunden. Florian Nagler hat es im Interview selbst so gesagt: „Ich sitze zum Beispiel jetzt hier im Ruheraum und schaue den Wolken zu, wie sie über den Berg ziehen. Da könnte man stundenlang sitzen.“ Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er das sagt. Der Raum ist genau dafür gebaut.


Ich schaue den Wolken zu, wie sie über den Berg ziehen. Da könnte man stundenlang sitzen.
Gegen sieben, kurz bevor die Küche die ersten Teller hinausträgt, verändert sich das Licht. Das Holz, das tagsüber zurückhaltend war, nimmt eine Farbe an, die man am ehesten mit Honig beschreibt. Der Wendelstein steht im Gegenlicht. Die Schirme am Pool stehen noch offen, obwohl sie längst nicht mehr gebraucht werden. In der finnischen Sauna, ganz oben, werden fünfundachtzig Grad gemessen, die Panoramafenster schwitzen leise mit. Man sitzt, atmet, schweigt. Danach: die Treppe hinunter, ein kurzer Lauf über die Wiese, der Sprung ins noch lauwarme Wasser. Und dann, wer weiß, ein zweites Mal.
Später versammeln sich die Gäste in der Alten Tann zum Apéro mit anschließendem Menü du Jour. Je nach Tag drei bis fünf Gänge aus Elias Langs Küche, bio, regional, slow. Freitags das große Fünf-Gänge-Menü, an dem sich selbst manche Faster kurz vergessen. Die Tische sind häufig gemischt, Fremde werden zu Bekannten, Bekannte zu Freunden. Draußen wird die Harpfe zum leuchtenden Zeichen am Hang. Aus dem Ruheraum heraus sieht man, wie die letzten Lichtstreifen über das Tal wandern. Man hört, durch das Holz gedämpft, das Wasser leise plätschern, wenn jemand noch eine letzte Bahn zieht. Der Seeberg drüben wird dunkler. Irgendwann funkeln die ersten Sterne durch die großen Fenster.


Am Ende ist die Harpfe genau das geworden, was auf der Tür zum Hofladen steht. Mensch, werde wesentlich. Ein Dach auf Beinen, ein Becken im Gras, eine Sauna mit Aussicht. Kein Kompromiss, wie Burgi sagt, sondern die Essenz. Und weil das Wesentliche am Tannerhof schon immer etwas Geselliges war, ist die Harpfe im Sommer nie ganz allein.
Fast unbemerkt ist damit etwas Größeres entstanden. Die Harpfe fasst, was den Tannerhof seit jeher ausmacht, nur in einer neuen Form. Die Berge rund um Bayrischzell, die Bäche und Bergseen, die echte Hand-Arbeit im Badehaus, die kulinarischen Kreationen aus Elias Langs Küche, die Bewegung am Morgen und das lange ruhige Liegen am Nachmittag: All das findet hier plötzlich einen gemeinsamen Ankerpunkt. Man braucht keinen bestimmten Plan mehr, um zu wissen, wo der Sommertag hinführt. Er führt, früher oder später, zur Harpfe. Und von dort wieder hinaus.
Boah, ist das schön. Wunderbar, dass es so etwas noch geben darf
Vielleicht ist das der schönste Beweis dafür, dass das Projekt gelungen ist. Nicht, dass die Harpfe spektakulär wäre, sie ist es ja bewusst nicht. Sondern dass sie dem Rest des Hauses einen neuen Charme gibt, ohne sich selbst vorn zu drängeln. Ein echter Sommer am Tannerhof braucht nicht viel. Aber seit letztem Jahr braucht er genau diesen Ort.
Für das, was sie ihren Gästen wünscht, hat Burgi von Mengershausen einen sehr einfachen Satz: „Boah, ist das schön. Wunderbar, dass es so etwas noch geben darf.“ Vielleicht ist das, nach vier Generationen Tannerhof, die schönste aller Architekturkritiken.







